Wer im Zusammenhang mit Olivenöl von der „mediterranen Ernährung“ liest, stößt früher oder später auf einen Namen: Ancel Keys. Der amerikanische Physiologe verglich ab Ende der 1950er-Jahre die Ernährung und Herzgesundheit von Menschen in sieben Ländern – und legte damit den Grundstein für ein Bild, das bis heute hält. Was die sogenannte Sieben-Länder-Studie tatsächlich zeigte, wie sie zustande kam und wo ihre Grenzen liegen, gerät dabei oft aus dem Blick.
Der Auftakt: eine umstrittene Grafik
Keys arbeitete an der University of Minnesota und interessierte sich für koronare Herzkrankheiten. 1953 veröffentlichte er eine vielzitierte Grafik: Sie stellte den Fettanteil der Ernährung in sechs Ländern der Sterblichkeit an Herzkrankheiten gegenüber und zeigte einen fast linearen Zusammenhang. Kritiker wiesen bald darauf hin, dass zu diesem Zeitpunkt Daten aus 22 Ländern verfügbar waren – und dass der Zusammenhang deutlich schwächer ausfiel, sobald man alle Länder statt einer Auswahl betrachtete. Der Vorwurf der Rosinenpickerei blieb an Keys haften.
Sieben Länder, ein systematischerer Versuch
Diese Kritik dürfte mitentscheidend gewesen sein für das, was folgte: eine deutlich aufwendigere, prospektive Studie statt einer einmaligen Momentaufnahme. Ab 1958 untersuchte Keys mit einem internationalen Team rund 12.000 Männer im Alter zwischen 40 und 59 Jahren in den USA, Finnland, den Niederlanden, Italien, Jugoslawien, Griechenland und Japan. Die Teilnehmer wurden über Jahrzehnte medizinisch nachverfolgt, mit wiederholten Untersuchungen zu Ernährung, Blutfetten, Blutdruck und Sterblichkeit. Diese Anlage – dieselben Personen über Zeit statt verschiedene Länder im Querschnitt – war methodisch ein Fortschritt gegenüber der Arbeit von 1953.
Kreta als Ausreißer nach unten
Auffällig war vor allem eine Beobachtung: Männer auf Kreta und in anderen griechischen Untersuchungsorten starben deutlich seltener an Herzkrankheiten als etwa die Vergleichsgruppen in Finnland oder den USA – trotz einer Ernährung, die reichlich Fett enthielt, überwiegend aus Olivenöl. Das widersprach der einfachen Annahme, jedes Fett sei gleich riskant, und lenkte den Blick auf die Zusammensetzung der Fette statt nur auf ihre Menge. Aus dieser Beobachtung entstand nach und nach der Begriff der „mediterranen Ernährung“ – mit Olivenöl als zentralem, aber nicht einzigem Baustein neben Gemüse, Hülsenfrüchten, Fisch und wenig verarbeitetem Fleisch.
Was die Studie nicht beweisen konnte
Eine Kohortenstudie über sieben Länder zeigt Zusammenhänge, keine Kausalketten. Menschen auf Kreta unterschieden sich von finnischen oder amerikanischen Vergleichsgruppen in den 1950er- und 60er-Jahren nicht nur beim Speiseöl: Sie arbeiteten körperlich, aßen saisonal und lokal, hatten andere Rauchgewohnheiten und ein anderes Gesundheitssystem. Wie viel davon auf das Olivenöl entfiel, ließ sich aus den Daten allein nicht trennen. Spätere Kritiker bemängelten außerdem, dass die Auswahl der sieben Länder – anders als bei einer Zufallsstichprobe – wieder auf Regionen fiel, in denen Keys bereits ein Muster vermutete. Dazu kommen typische Schwächen solcher Langzeitstudien:
- Ernährungsdaten stützten sich auf Befragungen und wenige Stichtage, nicht auf lückenlose Messung.
- Die sieben Länder deckten nur einen Ausschnitt möglicher Ernährungsmuster ab, nicht das gesamte Spektrum weltweit.
- Andere Faktoren wie Bewegung, Rauchen und medizinische Versorgung veränderten sich über die Jahrzehnte der Nachbeobachtung parallel mit.
Eine Korrelation über sieben Länder hinweg beweist keine Ursache – sie liefert bestenfalls eine Hypothese, die andere Studien erst noch prüfen müssen.
Das Erbe: von der Studie zum Kulturerbe
Ungeachtet der methodischen Einwände prägte die Studie die Ernährungswissenschaft der folgenden Jahrzehnte. 2010 nahm die UNESCO die „mediterrane Ernährung“ in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf, zunächst für Spanien, Griechenland, Italien und Marokko. Olivenöl gilt seither als Sinnbild einer Ernährungsweise, die eher auf ein Gesamtmuster als auf einzelne Nährstoffe setzt. Innerhalb des EU-Rechtsrahmens ist dazu eine einzige, eng gefasste Aussage zulässig: Olivenöl mit einem Polyphenolgehalt ab etwa 250 Milligramm pro Kilogramm darf als Beitrag zum Schutz der Blutfette vor oxidativem Stress ausgelobt werden. Weitergehende Heilversprechen sind, zu Recht, weder von dieser Verordnung noch von der Sieben-Länder-Studie selbst gedeckt.
Was von Keys' Arbeit bleibt, ist weniger ein Beweis als eine Blickrichtung: Olivenöl als selbstverständlicher Teil einer Alltagsküche, nicht als isoliertes Nahrungsergänzungsmittel. Das griechische „Selection“ von FAGU aus Parga in Epirus steht in dieser Tradition – früh geerntet, kaltgepresst und mit einem Polyphenolgehalt, der es für den erwähnten EU-Rahmen qualifiziert, so wie Olivenöl in den untersuchten Regionen alltäglich auf dem Tisch stand.





